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ErfahrungsberichtKulturschock ChinaAsien – der Markt der Zukunft! Obwohl es mich eigentlich nicht in die fremde Welt Asiens zog, entschied ich mich für ein Auslandssemester an der Chinese University of Hong Kong. Ich wollte die Chance nutzen, Einblicke in diese andere Kultur zu bekommen – eine Gelegenheit, die sich vielleicht kein zweites Mal bieten würde. Um es vorweg zu nehmen: Meine Bedenken waren nicht unbegründet. Trotzdem hat es sich gelohnt. Im August 2005 flog ich 11 Stunden in den Riesenstadtstaat, so groß wie New York. Sieben Millionen Einwohner auf engstem Lebensraum, Zentrum des Welthandels und gleich dahinter beginnt China – wo dich keiner versteht und du kein Schild mehr lesen kannst. Das hatte ich verinnerlicht, als ich mit mulmigem Gefühl losflog. Die Universität liegt im „Hinterland“ in den New Territories und ist riesig: Sechs verschiedene Colleges mit jeweils mehreren Hostels, mehreren Bibliotheken und Kantinen sowie ein eigenes Krankenhaus, Schwimmbad, Sportplätze, Supermarkt, Poststelle, Bussystem und Metrostation. Ich bewohnte das Chun Cha Ha Hostel im United College, sehr modern eingerichtet und absolut sauber. Waschmaschine, Trockner, Etagenküche, Aufenthaltsräume, Study Rooms, eigene Reinigungskraft auf jeder Etage und nicht zu vergessen: mit Meeresblick von der Dachterrasse! Einziger Wermutstropfen: Ich musste mir das Zimmer teilen. Ungewohnt – aber dafür eine tolle Gelegenheit, Chinesen kennen zu lernen. Meine Mitbewohnerin – eine „Mainland Chinesin“ – hieß Crase. Nicht ihr richtiger Name – aber auch das ist normal in China. Fast jeder gibt sich einen englischen Namen. Dabei sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt, so dass ich Fish, Bear, Candy, Piggy und Snyper kennenlernte.
Nina Janssen Crase und ich bewohnten ein kleines Zimmer. Es war gerade Platz genug für jeweils zwei Tische, Schränke und Betten. Wenn wir beide am Schreibtisch saßen, berührten sich unsere Stühle. Gewohnt war ich ein so dichtes Zusammenleben nicht. Insbesondere während der Klausurphase, in der wir 24 Stunden in unserem Zimmer verbrachten, war gegenseitige Toleranz gefragt. Crase schien wie alle Chinesen Tag und Nacht zu lernen. Für mich bedeutete dies nicht nur bei Licht zu schlafen, sondern auch die klappernde Computertastatur und das Cola-Schlürfen zu ignorieren. Nicht zu vergessen, das Aufschlagen der Sonnenblumenkerne, die zum hundertsten Mal neben der Mülltonne landeten. Wenn meine Mitbewohnerin dann schlafen ging, trug sie eine Bleichungsmaske, um dem chinesischen Schönheitsideal – blasse Haut – näher zu kommen. Das enorme Lernpensum der chinesischen Studenten lässt sich mit dem vergleichsweise hohen Stellenwert von Wettbewerb und Leistungsfähigkeit in China und an der Uni erklären. Schlaf ist nach Meinung vieler Studenten „vergeudete Zeit“. Da aber auch Chinesen nicht ohne Schlaf auskommen, schlafen sie vor lauter Müdigkeit dann reihenweise im Unterricht ein. Beeindruckt hat mich die Wissbegierde meiner chinesischen Kommilitonen und ihre Fähigkeit, auswendig zu lernen. Gleichzeitig habe ich in unseren gemeinsamen Projekten Kreativität und das Einbringen eigener Ideen vermisst. So teilte unser Teamleiter der Gruppe vor einer Präsentation Blätter aus, auf denen wortwörtlich stand, was wir zu sagen hatten. Ein weiteres Highlight meines Aufenthalts verdanke ich ebenfalls Crase. Sie nahm mich mit zu einer Familie, der ich einmal in der Woche Wissenswertes über Europa und insbesondere Deutschland erzählen sollte. Am ersten „Arbeitstag“ legte die Familie mir ein Bild mit ungefähr 25 verschieden Käsesorten vor. Ich sollte ihnen bei jeder Sorte erklären wie sie schmeckt. Ehrlich gesagt, kannte ich nicht einmal die Hälfte. So wurde ich kreativ und ordnete den Sorten Begriffe wie „salzig“, „mild“, etc. zu. Erfreulicherweise bestanden die nächsten Stunden dann aus Informationen zur deutschen Musik, Literatur, Gesellschaft und schließlich baten sie mich, ihnen bei der Planung einer Deutschlandreise behilflich zu sein. Im Sommer ist es so weit und ich freue mich darauf, sie wiederzusehen. Mein Fazit nach drei Monaten Asien? Ich habe viel über das Leben der Chinesen gelernt. Fasziniert hat mich die Kultur. Die Menschen glauben an so viele Dinge und geben nicht so schnell auf. Chinesen sind mit weniger zufrieden und setzen sich für ihre Belange mehr ein – beste Voraussetzungen für das Land, um zur Weltwirtschaftsmacht zu werden. Außerdem ist mir bewusst geworden, dass wir Europäer ein komfortableres Leben haben. Gerade das deutsche Sozialsystem bietet eine Sicherheit, die es in China nicht gibt: Eigentlich geht es uns wirklich gut – vielleicht viel zu gut! Ich persönlich habe gelernt, wie wichtig Toleranz für ein Zusammenleben bzw. Zusammenarbeiten ist. Und ich kann mir vorstellen wiederzukommen – in die Stadt mit den zwei Gesichtern, mit den riesigen modernen und luxuriösen Hochhäusern und dem chinesischen Teil mit winzigen Wohnungen und zahlreichen Märkten mit seltsamen Gerüchen. Nina Janssen |